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06.01.2026 Kategorie: Gemeinde

Neujahrsgruß des Vorsitzenden Frank Ahlgrim

Im Januar 2026   Liebe Mitglieder des BPPV,

Seit Januar 2002 bin ich nun schon Pfarrer unserer Landeskirche – eine lange Zeit. In all den Jahren war es immer mein großes Anliegen, den Menschen, die mir in der Gemeinde begegnen, vom christlichen Glauben zu erzählen und sie dafür zu begeistern. Ich wollte, dass wir miteinander eine lebendige Gemeinde bauen, in der man sich gegenseitig unterstützt, über den eigenen Glauben reden kann, miteinander betet und natürlich zusammen Gottesdienst feiert.

Bereits in der Jugendarbeit und im Studium hatte ich mich, nicht zuletzt inspiriert von den damals aufkommenden charismatischen Gemeinden in Hamburg, intensiv damit beschäftigt, wie man das Evangelium zeitgemäß, überzeugend und nachhaltig weitergeben kann. Ich wollte es mit einer „handfesten“ Predigt und neuen, moderneren Formen probieren. Meine Überzeugung war, dass man mit einer ordentlichen lutherischen Predigt und einer modernen Liturgie mit neuem geistigem Liedgut und Bandbegleitung nachhaltig Gemeinde zum Wachsen bringen könne.

Zum Glück kam ich in eine Gemeinde, die all das zuließ, und ich durfte über die Jahre viel ausprobieren. Im Rückblick ist dann auch vieles, was ich mir habe einfallen lassen, gut gelungen. Die Gemeinde, soweit ich das beurteilen kann, ist zufrieden mit meiner Arbeit und es gibt einen festen Stamm an Menschen, die sich zur Gemeinde halten. Was mir jedoch nicht gelungen ist, ist wirklich nachhaltig Gemeinde zu bauen oder diese gar zum Wachsen zu bringen. Realität ist vielmehr, dass es auch in meiner Gemeinde immer weniger werden, die sog. Kerngemeinde schrumpft und der Gottesdienstbesuch oft ernüchternd ist.

Habe ich also als Pfarrer versagt? Ich denke nicht, denn von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist es nirgends besser. Überall schrumpfen Gemeinden und der Rückgang der Kirchenmitgliedszahlen spricht eine deutliche Sprache. Tatsächlich glaube ich, dass wir alle in den letzten 20 Jahren (und auch davor) aufs Ganze gesehen und in unterschiedlichster Weise gute Arbeit geleistet haben. Der seit Jahrzehnten anhaltende Mitgliederschwund ist m.E. nicht auf unser Versagen als Pfarrerinnen und Pfarrer zurückzuführen, sondern viel mehr eine Folge allgemeingesellschaftlicher Trends (was sich auch in mancher Statistik und mancher Untersuchung bestätigt) und einer tiefen Glaubenskrise in Mitteleuropa und damit auch in Deutschland. Einer Glaubenskrise, der wir trotz aller Anstrengungen, nichts nachhaltig entgegensetzen können und gegenüber der ich mich als Pfarrer ausgeliefert fühle.

Ja, tatsächlich habe ich den Eindruck, wir können im Sinne des Gleichnisses vom Sämann (Mt 13,1-9) das Wort säen, so viel wir wollen, es fällt zunehmend weniger auf fruchtbaren Boden und ich frage mich, warum der Heilige Geist oft so verborgen scheint.

Dass diese Glaubenskrise nicht ohne Folgen bleibt, sehen wir allenthalben. Nicht nur die Mitgliedszahlen gehen zurück, sondern auch der theologische Nachwuchs fehlt. Ebenso werden infolgedessen die finanziellen Ressourcen knapper (wenngleich wir das bisher kaum konkret spüren). Schon heute erleben wir, dass immer weniger Pfarrpersonen für immer mehr Menschen und Gemeinden zuständig sind und die Belastungsgrenze längst erreicht, wenn nicht überschritten ist. Es scheint, als sei das alte System Kirche, wie wir es seit Jahrzehnten kennen und „lieben“, an seine Grenzen gestoßen und wir werden Wege finden müssen, mit dem Mangel umzugehen.

Da ist es sicherlich nicht verkehrt, Gott bzw. Jesus im Sinne des Gleichnisses der Speisung der 5000 (Joh 6,1-14) unseren Mangel anzubefehlen und ihn im Gebet um Veränderung, Wachstum und Ressourcen zu bitten.[1]

Gleichzeitig werden wir aber auch nicht darum herumkommen, unsere Arbeitsweise und unsere Kräfte (auch die finanziellen Kräfte) den sich verändernden Bedingungen anzupassen und neue Wege zu gehen. Das fällt vielen jedoch verständlicherweise sehr schwer. Bringen wir doch alle unsere tradierten Bilder von Kirche mit und können uns noch nicht recht vorstellen, wie eine Kirche der Zukunft aussehen kann und soll.

Auf struktureller Ebene hat nun unsere Landessynode als höchstes parlamentarisches Gremium unserer Landeskirche im November  Beschlüsse gefasst, die dem „Mangel“ begegnen und helfen sollen, mit der sich verändernden Situation umzugehen und ihrer habhaft zu werden. Die Reduzierung auf vier große Propsteien und die Bildung sog. Regionalgemeinden mit mindestens 10.000 - 15.000 Gemeindegliedern sind hier die zentralen Stichworte.

Es zeigt sich aber, dass diese Beschlüsse unter den Gemeindemitgliedern und auch in der Pfarrerschaft sehr unterschiedlich, wenn nicht gar gegensätzlich bewertet und wahrgenommen werden. Während die einen in den gefassten Beschlüssen den einzigen und alleinigen Weg sehen, angemessen auf die sich verändernde Situation zu reagieren und froh sind, dass Veränderung möglich wird, empfinden andere die Beschlüsse als „das Schlimmste, was je beschlossen wurde“. Es wird von einer Entmachtung und Enteignung der kirchlichen Basis gesprochen, die dazu führe, dass ehrenamtliches Engagement systematisch zugrunde gerichtet werde und von Beschlüssen, die (trotz breit angelegtem Beteiligungsprozess) von kirchenleitender Seite gegen die Interessen der Basis top down durchgesetzt würden. All das wird hoch emotional diskutiert, und die Fronten scheinen mir extrem verhärtet zu sein.

Nun gehöre ich zu denen, die den Beschlüssen der Landessynode eher positiv gegenüberstehen und ganz persönlich vermisse ich an vielen Stellen einen erwachsenen und sachlichen Umgang mit der Situation. Dennoch sehe ich die große Gefahr, dass es durch die Beschlüsse (gerade weil sie so emotional diskutiert werden) zu einer regelrechten Spaltung und Lähmung innerhalb unserer Kirche kommt. Dem sollte unbedingt und mit aller Kraft entgegengewirkt werden. Nicht etwa, indem die Beschlüsse zurückgenommen werden, sondern indem wir vielmehr konstruktiv mit ihnen umgehen und als Pfarrerschaft unseren Beitrag dazu leisten, dass am Ende etwas Gutes dabei rauskommt.

Noch gibt es nur einen groben Rahmen für das, was kommen soll, und ich halte es für unsere Aufgabe, ja unsere Pflicht, gemeinsam mit den Menschen in unseren Gemeinden, wie auch der Kirchenleitung, dafür einzutreten, dass dieser Rahmen gut und sinnvoll gefüllt wird. Darauf sollten wir jetzt unsere Energie setzten (und nicht auf innere Verweigerung). Denn es wird darauf ankommen, in den nächsten Monaten gut zu beschreiben und zu diskutieren, was Gemeinde vor Ort unter den neuen Bedingungen zukünftig sein soll (auch wenn sie keine Körperschaft öffentlichen Rechts mehr ist), wie sie ausgestattet wird und wer was auf welcher Ebene entscheiden kann. All das ist bisher noch nicht abschließend festgelegt und wir können als Pfarrerschaft (persönlich, über unsere Konvente, über den BPPV und über den Pfarrerinnen- und Pfarrerausschuss) darauf Einfluss nehmen, dass am Ende gute und sinnvolle Gesetze beschlossen werden. Dieser Aufgabe sollten wir uns gemeinsam im Jahr 2026 stellen.

Abgesehen davon würde es uns womöglich auch nichts schaden, unsererseits wieder mehr die Hände zu falten und demütig vor Gott bzw. Jesus Christus, dem eigentlichen Haupt unserer Kirche, für unsere Belange und vor allem die Menschen, die uns am Herzen liegen, einzutreten. Denn er ist es, der im Letzten seine Kirche baut und ihr eine Zukunft gibt. Ja am Ende sind nicht wir es, die unsere Kirche oder gar die ganze Welt retten und nicht wir sind es, die Glauben hervorrufen, sondern Gott allein. Ganz im Sinne der Jahreslosung 2026, in der es heißt: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5). Gott ist es, der am Ende der Zeit ALLES neu macht und zwar vollumfänglich, ganz und total. Darauf mag ich vertrauen und aus diesem Vertrauen heraus getrost weiterhin meinen Dienst in der Gemeinde tun.

Ihnen und euch allen wünsche ich ein gesegnetes Jahr 2026, in dem wir uns gemeinsam den gebotenen Herausforderungen stellen und am Ende alles „gut“ wird.

Herzlichst euer,

 Vorsitzender des BPPV

 

[1] Wobei sich mir gerade in diesem Gleichnis immer wieder die Frage stellt, wo sich das eigentliche Wunder ereignet. Vermehrt Gott wirklich das Brot und lässt die Körbe einfach nicht leer werden, oder verändert er die Menschen und ihre Haltung dahingehend, dass sie solidarischer werden und bereitwillig zu teilen beginnen?

Beitrag von Frank Ahlgrim